Die alte Kirche

Etwas unterhalb der heutigen neugotischen Hartmannsdorfer Kirche in Richtung Pfarrhaus stand bis zum Jahre 1895 eine alte Dorfkirche romanischen Ursprungs. Ihre Erbauung war eng verbunden mit der Gründung des Dorfes in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Wesentliche Teile der Umfassungsmauern gingen sehr wahrscheinlich auf diese Zeit zurück. Von ihrem Grundaufbau her gehörte das alte Gotteshaus zum Typ der Chorturmkirchen, bei welchem ein Rechtecksaal, der quadratische Chor und das so genannte Sanktuarium (Altarraum) als eine geschlossene Baueinheit aneinandergefügt waren. Im Inneren fanden sich diese drei unterschiedlichen Baukörper durch raumgroße Öffnungen, die so genannten Chorbögen, miteinander verbunden, so dass ein langgestreckter, nach Osten ausgerichteter Kirchenraum vorhanden war.

Über dem Chor erhob sich der Turm, der offensichtlich ebenfalls auf ein hohes Alter zurückblicken konnte. Die Entstehungszeiten zweier Glocken, die sich darin befanden, konnte anhand ihrer Form und Inschriften auf das 14. bzw. auf das ausgehende 13. Jahrhundert datiert werden. Eine dritte alte Glocke musste 1797 umgegossen werden, weil sie zersprungen war. Das gesamte, aus heutiger Sicht wertvolle Geläut wurde 1895 zum Schrottpreis verkauft. Das Material fand keine Wiederverwendung für die Glocken der neuen Kirche.

Das Innere des alten Gotteshauses war, wie die romanischen bzw. frühgotischen Dorfkirchen im allgemeinen, durch klare und einfache Bauformen mit kleinen, hochliegenden Fensteröffnungen und dicken Bruchsteinmauern geprägt.  Die Ausstattung während der ersten Jahrhunderte muss als äußerst bescheiden angenommen werden: Es gab zunächst weder Gestühl noch Emporen, auch Orgel, Kanzel oder Kruzifix gehörten anfangs noch nicht zum Inventar. Lediglich ein großformatiger romanischer Taufstein aus Rochlitzer Porphyr sowie ein einfacher, massiv aufgemauerter Altarblock mit einer steinernen Abdeckplatte waren vorhanden.

In späteren Zeiten veränderte sich das Kircheninnere nach den jeweiligen Bedürfnissen: 1502 wurde auf den Altar ein geschnitzter Aufsatz aufgerichtet, welcher jedoch 1833 wieder entfernt und danach durch einen nüchternen steinernen Aufbau ersetzt wurde. Auch eine Kanzel und Orgel wurden zu heute nicht mehr bekannten Zeitpunkten eingebaut und nach deren Verschleiß noch einmal durch Neuanschaffungen ersetzt (Anfertigung einer barocken Kanzel um 1740 und Aufstellung einer Mende-Orgel im Jahre 1838). Weitere Umgestaltungen erfolgten durch den Einbau und die Erweiterung der Emporen, weil die vorhandenen Bankreihen im Kirchenschiff durch das fortwährende Bevölkerungswachstum nicht mehr ausreichten. Es ist anzunehmen, dass spätestens in diesem Zusammenhang auch die Fensterflächen im Rechtecksaal vergrößert worden sind.

Die auffälligste Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes war verbunden mit der Neugestaltung des Kirchturmes: Die alte, vormals hohe Turmspitze musste in den 1750er Jahren wegen Einsturzgefahr abgetragen werden. Die Durchführung zog sich jedoch bis 1768 hin. Am 10. Juni erfolgte die Weihe des neuen Turmaufsatzes mit seiner markanten barocken Haube.

Von der gegenständlichen Ausstattung der alten Dorfkirche ist nur das mit Abstand älteste Stück, der romanische Taufstein bis heute erhalten geblieben. Kunstgeschichtlich wird dieser Stein, der als qualitätvolles Schmuckelement einen umlaufenden Hufeisenbogenfries besitzt, in die Zeit vor 1250, also in das erste Jahrhundert der Dorfgeschichte eingeordnet. Er war vermutlich bis Anfang des 18. Jahrhunderts in Gebrauch. Danach wurde er, dem jeweiligen Zeitgeschmack folgend, von anderen Taufgefäßen abgelöst. Seitdem führt er, gemessen an seinem hohen Alter und seiner Bedeutung für die Hartmannsdorfer Orts- und Kirchengeschichte, ein eher bescheidenes Dasein. Er diente zeitweilig als Pflanzschale und wurde letztendlich 1965 an die Stadtkirche St. Marien nach Borna bei Leipzig verschenkt. Von da aus gelangte er um 2005 nach Auligk bei Groitzsch, wo er jedoch nicht aufgestellt wurde. Im Juli 2020 konnte er schließlich wieder in seinen Heimatort Hartmannsdorf zurückgeholt werden. Seinen vorläufigen Standort erhielt der Stein im linken Seitenschiff der Kirche und kann mit Einschränkungen zum Empfang der Heiligen Taufe genutzt werden.

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Der alte romanische Taufstein überspannt als steinerner Zeuge in einzigartiger Weise den Gesamtzeitraum der Hartmannsdorfer Geschichte von ihren Anfängen bis zur Gegenwart.

Eine bis dahin nicht dagewesene rasante Bevölkerungszunahme führte dazu, dass spätestens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts über einen tiefgreifenden Umbau der alten Kirche bzw. über einen generellen Kirchenneubau nachgedacht wurde. Ein testamentarisch verfügter Nachlass von 2000 Thalern des ehemaligen Strumpf-Fabrikanten Friedrich Wilhelm Saupe bildete den Grundstock eines 1869 gegründeten Kirchenbaufonds, wobei von vorn herein klar war, dass die eingelegten Beträge nur einen Bruchteil der Kosten für einen Neubau abdecken würden.

Die Entscheidungsfindung war von ihrer Tragweite her nicht einfach und zog sich über einen längeren Zeitraum hin. Während der 1870er Jahre wurde die alte Kirche sowohl im Innen-, als auch im Außenbereich noch einmal leidlich in Stand gesetzt, ohne größere Umbauten oder Veränderungen vorzunehmen. Eine dringend erforderliche Erweiterung des Platzkapazität konnte innerhalb der vorhandenen Umfassungsmauern nicht mehr realisiert werden, weil das vorhandene Raumangebot ausgeschöpft war. 1875 erhielt die alte Kirche noch einmal eine neue Turmuhr und 1880 erfolgte eine notwendig gewordene Erneuerung der Kirchturmspitze.   

Die neue Kirche

Im Jahre 1885 zog der Kirchenvorstand den bekannten Kirchenbaumeister Hugo Altendorf aus Leipzig zwecks Herbeiführung einer unumgänglichen Grundsatzentscheidung vor Ort zu Rate. Altendorf riet entschieden von einem Umbau der alten Kirche ab und favorisierte einen reinen Neubau.

Die Planung und Bauausführung übertrug man später jedoch dem Dresdner Architekten Christian Gottfried Schramm. Nach mehrfach abgeänderten bzw. verworfenen Entwürfen fiel die Entscheidung letztendlich auf eine Variante als Ziegelverblendbau unter mäßiger Verwendung von Sandstein in einer veranschlagten Gesamtkostenhöhe von 129000 Mark. Es gab jedoch nicht nur Befürworter, sondern auch teilweise erbitterte Gegner eines Kirchenneubaues, deren Aktivitäten sich bis weit in die Bauphase hineinzogen.

Trotz aller Hindernisse und Widerstände erfolgte 1893 die Auftragsvergabe: Die Erd- und Maurerarbeiten übernahm die Fa. Poser aus Limbach, die Zimmer- und Holzarbeiten Fa. Gebr. Dietrich Nachf. Hartmannsdorf und die Steinmetz- und Granitarbeiten Fa. Lehnert aus Flöha. Die Aufträge für Schieferdecker-, Klempner-, Tischler- und Schlosserarbeiten erhielten einheimische Handwerker. Für den Baubeginn wird der 3. Juli angegeben. Die offizielle Grundsteinlegung erfolgte am 26. September 1893. Die Fläche oberhalb der alten Kirche, welche zuvor zum Friedhof gehörte, hatte sich inzwischen in einen gewaltigen Bauplatz verwandelt. Die benötigten Materialien wurden teilweise über die Eisenbahn, in der Hauptsache jedoch mit Pferdefuhrwerken angeliefert. Nach dem Ausheben der Fundamentgräben und Einbringen der Gründung erfolgte das Aufmauern des Granitsockels sowie anschließend der Umfassungswände und des Turmes mit Ziegeln. Bei den Bauarbeiten kam es leider auch zu einem tragischen Unfall: Durch einen Blitzschlag wurden zwei Handarbeiter so stark verletzt, dass sie dauerhaft schwerwiegende körperliche Schäden davontrugen. Eine besondere Herausforderung stellte die Aufrichtung und Verschalung des Dachstuhles, besonders jedoch der hölzernen Turmspitze dar. Der Turmbau war insofern ein waghalsiges Unterfangen, weil die Zimmerarbeiten ohne Gerüst ausgeführt und die Balken über Strickleitern emporgezogen wurden.

Als Dank und Anerkennung für das geglückte Unternehmen spendierte der Kirchenvorstand am 1. Mai 1894 den beteiligten Zimmerleuten ein Fass Lagerbier und 100 Stück Zigarren. Der Jungpolier erhielt zusätzlich 20 Mark als Geschenk.

Zum weiteren Innenausbau gehörte auch das Einwölben der Kirche, der Einbau der auf drei Seiten umlaufenden Empore, die Anfertigung und Montage von Türen und Fenstern sowie die umfangreichen Malerarbeiten. Den Altaraufsatz, die Kanzel und den Taufstein fertigten auswärtige Firmen, die Herstellung der Kirchenbänke hingen, deren Gesamtlänge sich immerhin auf über 360 laufende Meter summiert, lag in den Händen mehrerer Hartmannsdorfer Tischler.

Von Anfang an verfügte die neue Kirche über einen Gasanschluss, der zur Beleuchtung diente. Außerdem erfolgte die Auftragsvergabe für eine neue Turmuhr, eine leistungsfähige Orgel und die Heizungsanlage. Ein neues Geläut wurde von der renommierten Dresdner Firma Bierling gegossen und am 28. August 1894 geweiht. Von den ursprünglich drei neuen Glocken ist nur die ehemals kleinste erhalten geblieben. Die mittlere und große fielen 1942 der Abgabepflicht für Rüstungszwecke zum Opfer. Erst 1974 konnte das Hartmannsdorfer Geläut durch den Zukauf von zwei gebrauchten Glocken wieder komplettiert werden. Die noch vorhandene kleine Glocke rückte dabei zur mittleren auf.

Eine herausgehobene Bedeutung besaßen die drei zentralen Altarfenster. Sie stellten die hohen christlichen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten dar. Im Mittelpunkt befand sich der auferstandene Christus, die Siegesfahne in der Hand haltend.

Am Sonntag, dem 11. November 1894, also nur rund 16 Monate nach dem eigentlichen Baubeginn, erhielt das neue Gotteshaus seine Weihe. Die jahrelang gehegten Vorbehalte gegen den Neukirchenbau hatten sich inzwischen offensichtlich in allgemeine Akzeptanz und Anerkennung verwandelt.  

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Zwischenzeitlich wurden die Zifferblätter am Kirchturm erneuert.

Das schlimmste Ereignis in der weiteren Geschichte der neuen Hartmannsdorfer Kirche war die verheerende Brandkatastrophe vom 12. Dezember 1965: An diesem dritten Adventssonntag wurde gegen 13.45 Uhr durch die Sirene Brandalarm ausgelöst, weil ein Feuer den Dachstuhl des Kirchenschiffes erfasst hatte, welches sich in rasanter Geschwindigkeit ausbreitete. Zur Brandbekämpfung waren letztendlich zwölf Feuerwehren der umliegenden Orte im Einsatz, deren Hauptbestreben darin bestand, ein Übergreifen des Feuers auf den Turm zu verhindern, was am Ende auch gelang. Der Dachstuhl jedoch war komplett zerstört. Das vollkommen durchnässte Gewölbe hatte glücklicherweise standgehalten. Die Kriminalpolizei ermittelte als Brandursache eine Schwachstelle im Schornstein, bei der es durch Überlastung der Feuerungsanlage zur Entzündung gekommen war.

Der nun folgende Wiederaufbau gestaltete sich unter den damaligen wirtschaftlichen Bedingungen relativ schwierig. Die notwendig gewordene Komplettsanierung war zwangsweise stark kompromissbehaftet und zog sich über dreieinhalb Jahre hin. Durch Materialengpässe musste nun auf eine stählerne Dachstuhlkonstruktion zurückgegriffen werden, wobei für die Neueindeckung kurzfristig wieder Naturschiefer zur Verfügung stand.   

Das Kircheninnere bedurfte durch die vorhandenen Alterungs- und Löschwasserschäden einer kompletten Erneuerung.

Bei dieser Gelegenheit, auch weil in der Folge das zentrale Mittelfenster zerstört worden war, stand letztlich die Frage im Raum, ob es auf eine originalgetreue Wiederherstellung oder auf ein Gestaltungskonzept mit modernen Stilmitteln hinauslaufen sollte. Der nun folgende Entscheidungsprozess war von grundlegend gegensätzlichen Anschauungen geprägt und ist bis heute nicht unumstritten geblieben. Im Ergebnis aller Abwägungen und Möglichkeiten stand der Beschluss, den Altarraum vollkommen neu auszustatten, das Kirchenschiff hingegen (außer der Wand- und Deckenbemalung sowie der Beleuchtungskörper) in seinem ursprünglichen Zustand zu belassen.

So wurden nach Entwürfen des Dresdner Architekten Christian Möller Altar, Kanzel und Lesepult sowie die Eingangsbereiche der Taufkapelle in moderner Form neu gefertigt. Lediglich die vorhandene Altarplatte aus Sandstein fand wieder Verwendung. Besonderes Augenmerk lag nun auf den Altarfenstern. Das Thema „Gericht und Gnade“ wurde durch den Künstler Rudolf Fleischer aus Karl-Marx-Stadt in Mosaikform durch zusammengesetzte farbige Gläser in gelungener Weise kunstvoll umgesetzt. Auch hier befindet sich der Auferstandene, diesmal als Weltenrichter, im Zentrum der Gesamtdarstellung. Am Sonntag, dem 8. Juni 1969 konnte endlich der lang ersehnte Gottesdienst zur Neueinweihung des umfassend sanierten Gotteshauses stattfinden.   

In den darauffolgenden Jahrzehnten standen fortlaufende Aktivitäten zur baulichen Instandhaltung, wie z. B. die teilweise Neuverfugung des Mauerwerks oder eine weitere Innenrenovierung an. Als Neuerungen der letzten Jahre sind die Schaffung einer Toilettenanlage sowie eines barrierefreien Zugangs zu nennen.

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Im Jahre 2020 wurde der vormals stählerne Glockenstuhl durch einen hölzernen Glockenstuhl ersetzt. Auch gegenwärtig wird weiterhin angestrebt, die Kirche in ihrer Form als zentralen Gottesdienst-, Andachts- und Verkündigungsort sowie als Veranstaltungsraum für die Kirchgemeinde und den gesamten Ort Hartmannsdorf in die Zukunft hinein zu erhalten.  

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Der Heimatverein bedankt sich bei Martin Günther für die sehr gute Zusammenarbeit und Unterstützung.